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Pressemitteilung des Referent*innenRats zur Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaften

Noch während im besetzten Institut für Sozialwissenschaften eine hochschulöffentliche Diskussionsveranstaltung stattfand, zu der Mitglieder der Universität kamen, auch ohne Teil der Besetzung zu sein, und sich die Universitätsleitung im besetzten Gebäude aufhielt, ließen Bürgermeister Wegner und Wissenschaftssenatorin Czyborra das Gebäude räumen. Sie ordneten eine Identitätsfeststellung aller im Gebäude anwesenden Personen an. Damit griff der Senat in die Autonomie der Universität ein und brachte die Universitätsleitung sowie die Studierenden in ernsthafte Gefahr.

Dieses gewaltsame Vorgehen des Senats ist unverzeihlich. Wer nun den Rücktritt der Universitätsleitung fordert, kehrt die Verantwortung für diesen Skandal, die der Senat trägt, völlig um. Für uns steht fest: Wer die eigene politische Profilierung über die Hochschulautonomie und die körperliche Unversehrtheit von Universitätsmitgliedern stellt, muss sich entschuldigen und zurücktreten.

 

Das Anliegen, gegen Kriegsverbrechen zu protestieren, ist berechtigt - wir machen uns die Forderungen der Besetzung aber explizit nicht zu eigen. Wir verstehen insbesondere das Bedürfnis unserer palästinensischen Studierenden und unterstützen ihren Wunsch auf Anerkennung und ihre Hoffnung auf einen baldigen Waffenstillstand. Der Protest ist dabei ein Ausdruck ihrer Verzweiflung. Eine weitere Auseinandersetzung mit den in der Diskussionsrunde mit dem Präsidium kommunizierten Minimalforderungen halten wir deshalb für sinnvoll. Über viele der Forderungen der Besetzung haben auch wir teils sehr unterschiedliche Meinungen.

Gleichzeitig verurteilen wir das Verwenden antisemitischer und Hamas-Symbolik. Für uns ist es untragbar, dass sich das Hamas-Dreieck als Symbol einer klaren Feindesmarkierung durch das gesamte Institutsgebäude zieht. Das Institutsgebäude wurde im Rahmen der Besetzung als Schutzraum für große Teile der Mitglieder des Instituts für Sozialwissenschaften, insbesondere für jüdische Studierende, zerstört. Dass an unserer Universität so konkrete Bedrohungssituationen geschaffen werden, bedrückt und schockiert uns zutiefst.

 

Wir haben uns nach einer Besichtigung des Institutsgebäudes am Donnerstagmorgen explizit wegen eindeutig antisemitischen Vorfällen und der sehr präsenten islamistisch militaristischen und antisemitischen Symbolik aus unserer Vermittlungsrolle zwischen Besetzung und Universitätsleitung zurückgezogen. Besetzung, Diskussionsveranstaltung und Protest haben wir weiterhin beobachtet.

Wir erwarten, dass innerhalb der sehr heterogenen Gruppe der Besetzer*innen ein angemessener und tiefgreifender Prozess stattfindet, der diese antisemitischen Vorfälle aufarbeitet.

 

Im Umgang mit Demonstrationen und Besetzungen kennt der Berliner Senat nur Eskalation. Diese Strategie ist fatal und wirkt als politischer Brandbeschleuniger. Die Besetzung wäre ohnehin nur noch eine Stunde geduldet gewesen, es hätte lediglich das bis zum Einsatz der Polizei konstruktive Gespräch zwischen Besetzer*innen, Universitätsmitgliedern und Präsidium noch zu Ende geführt werden sollen.

 

Wir verurteilen die Anordnung der Räumung durch Bürgermeister und Senat. Die brutale Räumung durch die Polizei, ebenso wie das enorme Polizeiaufgebot vor dem Institutsgebäude, hat viele Anwesende mit traumatischen Gewalterfahrungen und körperlichen Verletzungen zurückgelassen. Wir wissen von mindestens einer Person, die aufgrund der Polizeigewalt mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus kam. Die Anzahl der rechtswidrigen, insbesondere rassistischen und auch transfeindlichen polizeilichen Maßnahmen der letzten zwei Tage lässt sich kaum mehr zählen. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für ein solches Vorgehen der Polizei. Die Tatsache, dass die universitätsinterne Auseinandersetzung mit der Besetzung nicht ohne die politisch angeordnete Intervention von mehreren Einsatzhundertschaften, einem Räumpanzer und Hamburger Gittern zu Ende gebracht werden konnte, ist eine bisher an Universitäten beispiellose politische Entgleisung der autoritär agierenden Berliner Regierung.

 

 

E-Mail für Rückfragen: oeffref@refrat.hu-berlin.de

 

--- english translation ---
[es handelt sich im folgenden um eine ÜBERSETZUNG, die der niedrigschwelligeren Zugänglichkeiten dient. Gültig ist die deutsche Fassung] [the following is a TRANSLATION, which is intended to make the statement more accessible. The German version is valid]

While a public discussion event was still taking place in the occupied Institute of Social Sciences, which was attended by members of the university without being part of the occupation, and the university management was still in the occupied building, Mayor Wegner and Science Senator Czyborra had the building evacuated. They ordered an identity check of all persons present in the building. In doing so, the Senate interfered with the autonomy of the university and put the university management and students in serious danger.

This violent action by the Senate is unforgivable. Those who are now demanding the resignation of the university management are completely reversing the responsibility for this scandal, which the Senate bears. For us, one thing is certain: anyone who puts their own political profile above university autonomy and the physical integrity of university members must apologize and resign.

The concern to protest against war crimes is justified - but we explicitly do not adopt the demands of the occupation as our own. We particularly understand the needs of our Palestinian students and support their desire for recognition and their hope for an early ceasefire. The protest is an expression of their desperation. We therefore believe that further discussion of the minimum demands communicated in the discussion round with the Executive Board makes sense. We also have very different opinions on many of the occupation's demands.

At the same time, we condemn the use of anti-Semitic and Hamas symbols. For us, it is unacceptable that the Hamas triangle runs through the entire institute building as a symbol of a clear enemy marker. The institute building as a safe space was destroyed during the occupation for large parts of the members of the Institute of Social Sciences, especially for Jewish students. We are deeply saddened and shocked by the fact that such concrete threats have been created at our university.

After a tour of the institute building on Thursday morning, we explicitly withdrew from our role as mediators between the occupation and the university management due to the clearly anti-Semitic incidents and the very present Islamist militaristic and anti-Semitic symbolism.
We continued to observe the occupation, discussion event and protest.

We expect an appropriate and in-depth process to take place within the very heterogeneous group of occupiers to deal with these anti-Semitic incidents.

When dealing with demonstrations and occupations, the Berlin Senate only knows escalation.
This strategy is fatal and acts as a political accelerant. The occupation would only have been tolerated for another hour anyway; the constructive talks between the occupiers, members of the university and the presidium up to the deployment of the police should have been brought to an end.

 

We condemn the eviction order by the mayor and the Senate. The brutal eviction by the police, as well as the enormous police presence in front of the institute building, has left many of those present with traumatic experiences of violence and physical injuries. We know of at least one person who was hospitalized with life-threatening injuries as a result of the police violence. The number of unlawful, particularly racist and also trans-hostile police actions over the last two days can hardly be counted. There is no justification whatsoever for such police action. The fact that the university's internal confrontation with the occupation could not be brought to an end without the politically ordered intervention of several police squads, a clearing tank and Hamburg bars is a political derailment by the authoritarian Berlin government that is unprecedented at universities.

 

E-mail for queries: oeffref@refrat.hu-berlin.de

 

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  • erstellt:24.05.24, 20:14
  • geändert:14.06.24, 15:52